BAD KREUZNACH. Was passiert, wenn ein bekannter Fernseh-Quizmaster auf eine Nonne trifft, die bei TikTok zum Star geworden ist? Diese ungewöhnliche Kombination erlebten die Besucher beim ersten Hildegard-Festival im Bad Kreuznacher Kurpark, dass von Verein „Wir sind Bad Kreuznach“ ins Leben gerufen wurde.
Unter dem Motto „Quizmaster trifft Nonne“ kamen Fernsehmoderator Jörg Pilawa und Schwester Josefine aus Osnabrück miteinander ins Gespräch – und sorgten mit viel Humor, persönlichen Einblicken und ernsten Gedanken über Glauben und Kirche für einen besonderen Programmpunkt.
Dabei hatten die beiden durchaus unterschiedliche Voraussetzungen: Pilawa, der sich offen zu seinem katholischen Glauben bekennt, hält sich von Social Media weitgehend fern. Schwester Josefine hingegen erreicht über TikTok ein Millionenpublikum. Auf dem Kanal des Bistums Osnabrück folgen ihr inzwischen fast 58.000 Menschen.

Schwester Josefine lebt seit knapp zehn Jahren im Benediktinerinnenkloster vom Heiligsten Sakrament in Osnabrück. Mit 29 Jahren entschied sich die gelernte Krankenschwester für ein völlig neues Leben und trat ins Kloster ein. Die Entscheidung sei nach einem Nachtdienst gereift, als sie gespürt habe, dass sie in ihrem bisherigen Leben irgendwie „hängen geblieben“ sei.
Dass das Leben hinter Klostermauern keineswegs immer ruhig und harmonisch verläuft, machte sie im Gespräch mit Pilawa deutlich. In ihrem Mehrgenerationenhaus leben Schwestern im Alter von 34 bis 92 Jahren zusammen. Da gebe es durchaus unterschiedliche Meinungen und auch Streit. „Da knallt es auch. Und zwar richtig“, erzählte Josefine schmunzelnd. Die Ziegen des Klosters seien manchmal leichter zu handhaben als manche Diskussion am gemeinsamen Esstisch.

Ein wichtiges Thema des Gesprächs war der Verzicht. Für Schwester Josefine bedeutet dieser nicht automatisch Einschränkung, sondern kann auch zu größerer innerer Freiheit führen. Verzicht müsse allerdings trainiert werden. Als Beispiel nannte sie den Umgang mit dem Smartphone. Familien könnten zunächst mit zehn Minuten handyfreier Gesprächszeit beginnen und diese Zeit nach und nach verlängern.
Materielle Dinge hätten für sie im Kloster an Bedeutung verloren. Viel wertvoller seien persönliche Begegnungen und Rückmeldungen von Menschen. Ganz ohne weltliche Wünsche kommt allerdings auch eine Nonne nicht aus. Auf die Frage, was sie manchmal vermisse, hatte Josefine eine schnelle Antwort: einen „ausgiebigen Friseurbesuch“.
Großen Raum nahm natürlich ihre außergewöhnliche Karriere bei TikTok ein. Begonnen hatte alles Weihnachten 2024. Auf Anregung des Bistums Osnabrück entstand ein erstes Video. Eigentlich sollte es bei diesem einen Beitrag bleiben. Doch der Clip wurde über Nacht millionenfach angesehen und erhielt rund 1.000 Kommentare. Mehr als 500 davon waren Fragen über das Leben im Kloster.
Damit war schnell klar: Das Interesse ist riesig. Inzwischen produziert Schwester Josefine regelmäßig kurze Videos. Komplexe Fragen zu Kirche, Glauben und Klosterleben muss sie dabei häufig innerhalb von 30 bis 60 Sekunden beantworten. Rund 90 Prozent der Aufnahmen gelängen mittlerweile beim ersten Versuch. Ihr Erfolgsrezept brachte sie auf eine einfache Formel: „Training, Training, Training.“
Unterstützt wird sie bei der Produktion vom Bistum Osnabrück. An guten Drehtagen entstehen zehn bis 15 Videos, die anschließend nach und nach veröffentlicht werden. Schwester Josefine selbst investiert nach eigenen Angaben etwa eineinhalb bis zwei Stunden pro Woche in die Aufnahmen. Schnitt, Kommentar-Management und das Sichten besonderer Nachrichten übernimmt das Team des Bistums.
Die Fragen der Nutzer sind dabei vielfältig – und manchmal kurios. So wollen Menschen beispielsweise wissen, wie eine „männliche Nonne“ heißt, ob Josefine katholisch oder muslimisch sei, ob Nonnen Kinder haben dürfen oder wovon ein Kloster eigentlich lebt. Dabei räumte sie auch mit Vorurteilen auf. Das Kloster finanziere sich nicht einfach aus Kirchensteuern. Nach der Benediktsregel gehöre die eigene Arbeit ausdrücklich zum Ordensleben.

Neben kuriosen Kommentaren gibt es viele ernsthafte und bewegende Nachrichten. Menschen fragen Schwester Josefine beispielsweise, wie es sich anfühle, an Christus zu glauben. Andere berichten ihr, dass sie durch ihre Videos Vorurteile gegenüber Kirche und Ordensleben abgebaut hätten.
Gerade junge Menschen erreicht die Nonne auf diesem Weg. Drei junge Frauen hätten sie einmal gebeten, ihnen zu zeigen, wie man den Rosenkranz betet. Für Josefine ist das ein Beispiel dafür, dass Social Media mehr sein kann als Unterhaltung. Über TikTok entstehe ein erster Kontakt, aus dem anschließend reale Begegnungen und Gespräche über den Glauben werden können.
Grenzen setzt die Ordensfrau trotzdem. Über ihre eigene Sexualität spricht sie öffentlich ebenso wenig wie über persönliche Bereiche ihrer Klosterzelle. Auch Trends macht sie nicht um jeden Preis mit. Entscheidend sei, authentisch zu bleiben.
Innerhalb ihres Konvents erfährt Josefine nach eigenen Worten viel Unterstützung. Einige Mitschwestern standen bereits gemeinsam mit ihr vor der Kamera. Kritik gibt es allerdings ebenfalls. Manche Ordensleute empfinden ihren Auftritt als zu modern oder zu „flashy“. Für Josefine steht dagegen die Botschaft im Mittelpunkt: Sie möchte ihre lebendige Beziehung zu Christus zeigen und Menschen Freude am Glauben vermitteln.
Die große Reichweite im Internet hat inzwischen ganz konkrete Auswirkungen auf das Kloster. Deutlich mehr Menschen besuchen die Gemeinschaft, auch die Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten ist gestiegen. Teilweise stoße das Kloster dabei bereits an seine Kapazitätsgrenzen.
Passend zum Hildegard-Festival schlug das Gespräch schließlich den Bogen zu Hildegard von Bingen. Für Schwester Josefine steht fest: Würde die berühmte Benediktinerin heute leben, wäre sie vermutlich ebenfalls in den sozialen Netzwerken aktiv.
„100 Prozent“ wäre Hildegard heute bei TikTok, zeigte sich Josefine überzeugt. Hildegard habe bereits zu ihrer Zeit die vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten genutzt, sei gereist, habe gepredigt, Briefe geschrieben und ihre mystischen Erfahrungen mit anderen geteilt. Heute würden dafür eben auch TikTok, Instagram und andere digitale Plattformen genutzt.
Für Josefine ist Hildegard zudem ein Vorbild als starke Frau, Benediktinerin, Mystikerin und Kirchenlehrerin, die ihren eigenen Weg ging und sich auch mit den Mächtigen ihrer Zeit auseinandersetzte. Die Parallele zu ihrem eigenen Wirken sieht Josefine vor allem in der Kommunikation über die Klostermauern hinaus: Hildegard tat dies durch Reisen, Predigten und Briefe – Josefine heute zusätzlich über das Smartphone.
Auch die Zukunft der Kirche wurde thematisiert. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und immer weniger Ordensleute müsse Kirche beweglicher werden. Traditionen müssten immer wieder daraufhin überprüft werden, was auch in der heutigen Zeit noch trägt. Für Josefine bedeutet moderne kirchliche Öffentlichkeitsarbeit vor allem, nicht ständig mit dem „moralischen Zeigefinger“ aufzutreten. Vielmehr müssten Freude am Glauben, Gemeinschaft und Jesus Christus im Mittelpunkt stehen.
Vielleicht hat sie mit dieser Botschaft sogar ihren Gesprächspartner ein wenig überzeugt. Der bislang eher Social-Media-abstinente Jörg Pilawa zeigte sich von Josefines Arbeit beeindruckt und stellte einen Besuch im Osnabrücker Kloster in Aussicht. Auch ein gemeinsames Video scheint nicht ausgeschlossen.
Für Pilawa selbst war der Auftritt im Kurpark zugleich ein Termin an einem Ort, zu dem er inzwischen eine besondere Beziehung entwickelt hat. Im August 2025 wurde bekannt, dass er und die Bundestagspräsidentin, die Bad Kreuznacherin Julia Klöckner in einer Beziehung sind. Für ihn ist Bad Kreuznach nach Hamburg zu seiner „zweiten Lieblingsheimat“ geworden, sagte er im Talk. Im anschließenden Gespräch mit Nahe News zeigte er sich vor allem vom Kurpark, das Umland, und Radwege begeistert. Aber auch die leckeren Naheweine haben es ihm als „Norddeutschen“ Biertrinker angetan.
So wurde aus „Quizmaster trifft Nonne“ weit mehr als ein unterhaltsames Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten. Das Gespräch zeigte, wie sich jahrhundertealte Glaubenstraditionen und moderne Kommunikation verbinden lassen – und dass Hildegard von Bingen möglicherweise auch fast 850 Jahre nach ihrem Tod auf TikTok eine ziemlich gute Figur gemacht hätte.
Abgerundet wurde das Festival von zahlreichen Informationsständen zum Thema „Hildegard von Bingen“. Für die Verpflegung der Gäste sorgten der Bad Kreuznacher Verkehrsverein und das Leonardo-Hotel.







