REGION. Das Leben schreibt oft die unglaublichsten Geschichten – niemand weiß das besser als Bertram Münker. Der in Freudenberg lebende Autor hat mit seinem Werk „An Sieg und Rhein“ eine Sammlung ungewöhnlicher Erzählungen veröffentlicht, die weit mehr sind als bloße Unterhaltung. Sie sind das Ergebnis einer bewegten Biografie, geprägt von tiefen Tälern und einer unerschütterlichen Lebensfreude.
Hinter den „neun ungewöhnlichen, ja unglaublichen Geschichten“, die Münker in seinem Buch präsentiert, verbirgt sich ein Autor, dessen eigener Weg von dramatischen medizinischen Herausforderungen gezeichnet ist. Bereits 1986, im Alter von 30 Jahren, erhielt er die Diagnose Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Tapfer kämpfte er sich zurück ins Leben. 20 Jahre später wurde bei ihm Leukämie (CLL) diagnostiziert und wieder kämpfte er, begleitet von seiner Frau und Freunden, dies alles durchzustehen.
Aktuelle Stellenangebote finden Sie auf unserer Seite “Stellenangebote” bei Nahe-News – KLICK MICH!
Besonders einschneidend war das Jahr 2014, als ihn kurz vor einer geplanten Stammzelltransplantation das seltene Miller-Fisher-Syndrom traf. Innerhalb weniger Tage war Münker vollständig gelähmt und musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Doch er gab nicht auf. Nachdem er mühsam wieder sprechen, essen und gehen gelernt hatte, konnte 2015 die lebensrettende Transplantation schließlich durchgeführt werden. Seitdem feiert der Autor den 10. September als seinen „zweiten Geburtstag“.
Diese Erfahrungen haben seinen Blick auf die Welt geschärft. In seinen Texten mischt er Erlebtes mit Erfundenem, wobei sein Humor auch in dunklen Zeiten nie verloren geht. So entstanden Geschichten wie „Schrecken überm Alten Flecken“ oder „Künstlerpech“, die oft mit einer überraschenden Wendung aufwarten.
Verbundenheit mit der Region
Trotz seiner Wurzeln im Siegerland pflegt Münker eine tiefe Verbindung zum Rheinland, nach Worms und in das Nahetal. In seinem Begleitbrief an uns betont er den „regionalen Bezug zur Nahe“, der ihn immer wieder zu neuen Textbeiträgen inspiriert. Eine gemeinsame Rundtour mit seinem langjährigen Freund Michael Marz lieferte den Stoff für sein neuestes Werk: Ein Erlebnis auf dem Weg zur Nahe wurde zum Zündfunken für diese heitere Geschichte.
Sein Buch „An Sieg und Rhein“ ist eine Liebeserklärung an die Heimat und das Leben selbst. Es zeigt, dass auch nach schwersten Rückschlägen die „Nachspielzeit“, wie Münker sie nennt, voller Schönheit und kreativer Energie stecken kann.
Das Buch: An Sieg und Rhein – Ungewöhnliche Geschichten, Autor: Bertram Münker, Verlag: Rediroma-Verlag, ISBN: 978-3-98527-826-8, Preis: 15,95 Euro

Manchmal braucht es nur ein paar Zeilen, um den Alltag zu vergessen. Autor Münker hat uns freundlicherweise eine seiner stimmungsvollen Geschichten aus dem Naheland zur Veröffentlichung überlassen. Wir laden Sie herzlich ein, mitzulesen und zu genießen. Sollte Sie das Lesefieber gepackt haben, finden Sie Nachschub in seinem Buch, das zur Bestellung bereitsteht.
Hauptsache wir sind uns nahe
„Weeschte eijentlich, dat heit der Daach der Freundschaft ist“, fragte mich Michael auf unserer sommerlichen Wanderung durchs kühle Morgenbachtal. „Hawwich heit morje im Radio geheert.“
„Was für ein Zufall! Dann passt der Tag ja perfekt zum Auftakt unserer Pfalzrundfahrt“, freute ich mich, freute mich auf fünf gemeinsame Tage, freute mich in diesem Moment auch wieder einmal an Michaels Sprachmischmasch aus Rheinhessisch und Hochdeutsch, ja, freute mich einfach des Lebens.
„Kannsche wohl sage“, bestätigte er und grinste über sein breites Gesicht.
Wie vor fünfunddreißig Jahren, zu Beginn unserer Freundschaft, wollten wir im romantischen Mittelrheintal auf den Spuren meiner ungewöhnlichen Geschichten „An Sieg und Rhein“ wandeln und anschließend eine Tour „auf alten Wegen“ durch Rheinhessen und die Pfalz machen. Damals im Campingbus, diesmal im PKW. Erste Station zur Übernachtung sollte das Haus von Michaels Bruder Peter in Frankeneck im Pfälzer Wald sein. Und wie damals wollten wir beide, zwei ungleiche, grundverschiedene, aber unzertrennliche Freunde – Michael, der Wormser und Rheinhesse, ich, der Freudenberger und Siegerländer – von Bingen entlang der Nahe nach Idar-Oberstein fahren.
„Weesche noch, wo’s langgeht?“ fragte Michael, wie fast immer der Fahrer, der uns mit seiner unerschütterlichen Gemütsruhe durch die wunderschöne Gegend chauffierte.
„Sicher doch, erst mal weiter geradeaus“, sagte ich bestimmt, war mir aber gar nicht mehr so sicher, als es in Bingen unversehens mehrspurig wurde. Schnell griff ich mir vom Rücksitz meinen etwas älteren Bildatlas und schlug die Seite mit der Karte von Rheinhessen auf. Und wunderte mich beim Hochschauen, als ich plötzlich Autobahnschilder sah, noch dazu solche, die Ingelheim und Mainz anzeigten, wir demnach in die falsche Richtung fuhren. Was der Auftakt zu einer kuriosen Irrfahrt werden sollte.
Erst einmal hieß es, gleich die nächste Ausfahrt nehmen – die Michael prompt verpasste, sodass es die übernächste wurde – und wir nun über Ockenheim und Gensingen nach Bad Kreuznach fahren mussten, denn da sollte unsere Fahrt auf der Naheweinstraße beginnen. Ich blätterte noch suchend im Bildatlas, schon ging es mit dem fließenden Verkehr auf einer Brücke über die Nahe und weiter auf die Nördliche Umgehungsstraße.
„Jetzt hammer de Altstadt von Bad Kreuznacht verbasst, du Sijerlänner Dilldabbe, kannsche net uffbasse!“ Michael schüttelte den Kopf und hantierte auch gleich an seinem Navi herum.
„Pass du mal lieber auf, wo du hinfährst“, gab ich lachend zurück.
Michael grinste und wies auf das Navi. „Da – dipp ma wat rin, damit die Navitante uns zur Nahe führt. Du fürscht uns ja nur in de Irre.
Ich sah auf der Straßenkarte im Bildatlas nach und gab Bad Münster ein.
… an der nächsten Ausfahrt rechts abbiegen …
… hörten wir gerade, da waren wir auch schon daran vorbei.
„Als nächstes geht‘s nach Roxheim“, sah ich auf meiner Straßenkarte, „aber das liegt ja in der falschen Richtung.“ Dann kam ein Schild in Sicht – und ich wunderte mich: Rüdesheim? „Nanu, geht‘s jetzt wieder zurück zum Rhein?“
„Lawerdasch, babbel net so dumm Zeich, is doch n anner Ort!“
… an der nächsten Ausfahrt rechts abbiegen …
Michael, offensichtlich in Gedanken vertieft, fuhr geradeaus weiter. Als er bemerkte, dass ich ihn fragend ansah, zuckte er mit den Schultern. „Gugg net so bleed, han ich halt verbasst“, meinte er nur, musste aber doch grinsen.
Nun kam dummerweise kilometerlang keine Ausfahrt mehr. Bis wir endlich in Waldböckelheim abfahren konnten und gleich wieder auffuhren in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Diesmal bis zur Ausfahrt Weinsheim, eigentlich auf der falschen Seite gelegen, Richtung Norden, wir aber doch nach Süden mussten, der Mittagssonne entgegen. Denn da irgendwo lag die Nahe – und wir, wir entfernten uns noch weiter von ihr …
„Das hast du jetzt von deiner Navitante. Die führt uns ja immer weiter weg von der Nahe anstatt zu ihr hin.
„Ajooh – awwer du mit deim Holzglobus!“ Er zeigte auf den Bildatlas. „Wie alt is der Schinken da eijentlich?“
„Noch nicht so alt“, war ich überzeugt und suchte blätternd nach dem Erscheinungsjahr. Das mich dann doch überraschte: „Oh, 1990, na gut, schon etwas älter, kann man sagen. Haben wir wahrscheinlich bereits bei unserer ersten Pfalzrundfahrt dabeigehabt, nehme ich an.“
„Soso, schon etwas älter“, ahmte er mich nach, betonte nochmal „etwas?“ und prustete im selben Moment los. „Dann is die Schwarte ja fünfunddreißig Jahre alt!“ Er lachte und lachte und konnte sich gar nicht mehr einkriegen.
Auch ich musste unwillkürlich mitlachen, wir sahen uns an, lachten und lachten, bis uns die Tränen kamen.
„Am beschte, du gibscht des Ding nach Worms oder Mainz ind Museum, du Ferzbeidel, bevor ich mich noch weider dadrüwwer uffreesche muss.“
„Wieso denn? Die Nahe ist immer noch da, wo sie vor fünfunddreißig Jahren war und vor zweihundert Jahren und vor zweitausend auch schon.“
„Dummbabbler – Straßen un Umgehungen un Autobahnen un Brücken doch net!“
„Die meisten sicher schon. Aber ob jetzt mit Navi oder Bildatlas, jedenfalls kommen wir der Nahe einfach nicht nahe. Gäbe es hier einen Fluss mit dem Namen Ferne, wären wir jetzt der Ferne nahe und der Nahe ferne.“
Michael musste wieder lachen. „Wattn naheliegendes Wortspiel“, meinte er, womit er das Stichwort gab zu weiteren Wortspielereien, auf die wir uns immer wieder gern einließen und gegenseitig hochschaukelten, weil jeder den anderen unbedingt übertreffen wollte. Bevor ich noch darauf eingehen konnte, rezitierte Michael schon mit theatralischer Geste: „Warum in die Ferne schweifen, sieh, die Nahe …
„… ist noch fern“, ergänzte ich schnell.
„Da hosche recht, aach wenn et net ganz basst. Ob wir wohl der fernen Nahe heit noch nahekummen?“ Er hob die Schultern, grinste mich an und meinte: „Ich will dir ja net zu nahetreten, mei Gudster, awwer Hauptsache is doch, wir zwei sin uns nahe, meensche net aach?“
„Sehe ich, von nahem betrachtet, genauso. Vor allem, weil wir gerade so schön nahe neben einander sitzen.“
Wieder mussten wir herzhaft lachen.
… in Schulstraße abbiegen und weiter auf Hüffelsheimer Straße …
„Die Nahe ist nicht mehr ferne“, frohlockte ich beim Blick in den Bildatlas. Nur noch durch Hüffelsheim, sah ich, dann vor Traisen …
… rechts abbiegen Richtung Norheim …
„Da ist sie ja endlich!“ rief ich, nachdem wir Norheim durchfahren hatten.
„Allerfott, wurde aach langsam Zeit. Nu simmer der Nahe widder ganz nahe“, stellte Michael zufrieden fest, während wir nun gemütlich an ihrem Ufer entlangfuhren. „So nahe der Nahe wie zuletscht vor fünfunddreißig Jahren – isset ze fasse!“
„Geht mir schon nahe, wie lange das her ist, fast ein halbes Menschenleben“, sinnierte ich. „Wo sind die Jahre geblieben? Und wie viele bleiben wohl noch bis zum Ende?“
„Her uff! Noch is des Ende trotz Nahe ja net nahe – gehn mer jedenfalls ma von aus“, meinte Michael aufmunternd. „Du nachdenklicher Mensch muscht efach net alles so nahe aan dich rankumme losse, versteesche?! En bissche mehr rheinischer Frohsinn däd dinnem westfälischen Tiefsinn achemol widder gut. Awwer kee Angscht, ich werd dich de nägschte Zeit schon noch genuch uffmunnere.“
Ich nickte, er hatte recht. Wir wurden schweigsam, was ungewöhnlich war, aber jeder schien seinen Gedanken nachzuhängen, ich den Erinnerungen an damals. Und dem wehmütigen Gefühl, wie lange das alles her war.
Kurz vor Oberhausen machten wir Halt an der schönen Luitpoldbrücke von 1889, anschließend einen Abstecher nach Meisenheim mit Stadtrundgang im „Rothenburg an der Glan“, später eine Kaffeepause auf dem Marktplatz von Bad Sobernheim, um am Nachmittag, nach einer Führung durch die Felsenkirche, die unfassbare Pracht und Vielfalt unterschiedlichster Mineralien im Deutschen Edelsteinmuseum von Idar-Oberstein zu bestaunen.
Gegen Abend, nach genüsslicher Fahrt über aussichtsreiche Landstraßen, kamen wir bei Michaels Bruder Peter in Frankeneck an, dem Dritten im Bunde der Freunde. Dass es ein ausgesprochen unterhaltsamer und fröhlicher Abend wurde, mit gutem Pfälzer Essen und gutem Neustädter Wein, mit vielen Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und noch mehr Lachen über jugendliche Dummheiten, all das verstand sich an diesem besonderen Tag von selbst – schließlich war es ja der „Tag der Freundschaft“.






