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Nach Stammzellspende: Griechin lernt rheinland-pfälzische Lebensretterin kennen

22.12.2022
HUNSRÜCK (red). Mit ihrer Stammzellspende hilft Anja Müller einer Frau gegen Leukämie: „Jetzt gehört sie zur Familie“
Es ist ein nur ein kleiner, aber entscheidender Teil DNA, der bei Anja Müller und einer Frau in Griechenland übereinstimmt. Ein Zufall, der das Leben der beiden Frauen wie zwei Magnete zusammengeführt hat: Durch die Stammzellspende der Gemündenerin konnte die Griechin ihre Leukämie besiegen und überleben. Für die Rheinland-Pfälzerin geht ihre Verbindung zueinander aber weit über Biologie hinaus.

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Es ist der 26. Mai 2022, am Flughafen Athen. Es hat über 40 Grad. Anja Müller und ihr Mann schauen sich in der vollen Halle suchend um. Blicke treffen sich. Dann lächeln zwei Frauen und gehen zielstrebig aufeinander zu: Anja Müller und Nadja, die Anjas Stammzellen bekommen hat, stehen sich zum ersten Mal gegenüber. Sie umarmen sich wortlos.

„Nadja hat geweint. Sie sagte, ich hätte ihr das größte Geschenk gemacht. Das ging mir sehr nahe“, erzählt 48-Jährige heute. Sie und die gleichaltrige Nadja aus Athen hatten einander zuvor einige E-Mails geschrieben – und dann ein Treffen vereinbart. Denn beide hatten den großen Wunsch, einander endlich persönlich kennenzulernen.

Beim Besuch in Griechenland verbringen sie so viel Zeit wie möglich miteinander. Sie unterhalten sich auf Englisch und unternehmen viel. Die Gemündenerin lernt Freunde und Familie von Nadja kennen: „Von Anfang an war eine Verbindung da. Jetzt ist sie noch greifbarer. Nadja ist für mich zu einem Stück Familie geworden.“ Und das gilt nicht nur für sie selbst. Auch ihre Kinder, 25 und 22 Jahre alt, möchten unbedingt das neue Familienmitglied kennenlernen und beim nächsten Treffen dabei sein.

Dass sie sich so sehr mit jemand Fremdem verbunden fühlen könnte, hätte sie vor 2017 nicht gedacht. Seit einigen Jahren ist sie bereits als potenzielle Spenderin bei der Stefan-Morsch- Stiftung registriert, Deutschlands erster Stammzellspenderdatei. Vor fünf Jahren hat sich dann eine Mitarbeiterin der Stiftung bei ihr gemeldet: Ihre genetischen Gewebemerkmale passen zu denen eines Menschen mit Leukämie. Alter, Geschlecht, Herkunft – all das wusste die Rheinland-Pfälzerin zu dieser Zeit noch nicht. Nur, dass ohne ihre Hilfe dieser Mensch nicht überlebt. „Helfen tut keinem weh“, ist die Überzeugung der geübten Blutspenderin. „Klar, dass ich spenden will.“

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Während die Stefan-Morsch-Stiftung damals alle notwendigen Schritte organisiert hat, machte sich die Gemündenerin Sorgen: „Ich habe viel daran gedacht, wer dieser Mensch ist und gehofft, dass ich auch wirklich was ausrichten kann.“ Wochen vergingen, Tage, die letzten Stunden. Früh morgens kam sie in Begleitung ihres Mannes am Entnahmezentrum an. Gefrühstückt hatte sie nicht. Essen durfte sie erst einige Stunden später, nach der Spende.

Anja Müller nahm auf einer gepolsterten Liege mit aufrechter Rückenlehne Platz. Dann wurde es ernst. Beide Ellenbeugen wurden desinfiziert. Zwei kleine Stiche, zwei Venenzugänge waren gelegt. Mit beiden Armen war die 48-Jährige jetzt an ein Gerät angeschlossen, das aus ihrem Blut die Stammzellen sammeln soll. Die Maschine begann leise zu rattern. Doch da floss kein Blut durch die Venenschläuche in das Gerät. „Meine Venen haben sich verkrampft. Die Spende kam nicht in Gang und musste abgebrochen werden“, erinnert sie sich. „Da habe ich zuerst mal geweint. Ich hatte Angst, dass es jetzt für die Empfängerin keine Hoffnung mehr gibt.“ Sie durfte zu ihrem Mann, der wegen der Hygieneauflagen in einem separaten Raum wartete. Er konnte sie trösten. Beim zweiten Anlauf klappte es dann. Ein paar Stunden später wurde der Blutbeutel voller lebensrettender Stammzellen von einem Stammzellkurier nach Athen gebracht.

Anja wird noch mitgeteilt, dass eine etwa gleichaltrige Frau in Griechenland ‚ihre‘ Patientin ist. Danach hört sie lange nichts. Einige Monate später erfährt sie, dass die Transplantation erfolgreich war. „Ich war erleichtert!“, erzählt Anja Müller. Immer wieder schickt sie ihre Gedanken wie über ein unsichtbares Band zu ihrer Empfängerin.

Für Nadja geht der Kampf um ihr Leben nach der Stammzelltransplantation weiter. Ihr Körper wehrt sich gegen die fremden Zellen, die sie von der Leukämie heilen sollen. In ganz kleinen Schritten kommt sie ihrem Ziel näher: Überleben. Neun Monate später kann sie die Klinik verlassen. Sie möchte wissen, wer ihre Lebensretterin ist und Danke sagen. Als die gesetzliche Kontaktsperre vorbei ist, klickt die griechische Grafikerin auf ‚senden‘ – und schickt eine erste E-Mail an Anja Müller. Nachrichten gehen hin und her, bis die Rheinland-Pfälzerin schließlich für sich und ihren Mann einen Flug nach Athen bucht. „Wir haben lange davon gesprochen. Irgendwann hat mein Mann gesagt, wir fahren jetzt hin. Das zu erleben, war ein Gefühl von purem Glück. Es bedeutet mir viel, dass es ihr heute so gut geht“, erzählt Anja.

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Familie und Freunde nennen sie manchmal Lebensretterin. Das macht die 48-Jährige verlegen: „Ein bisschen stimmt das vielleicht. Aber eigentlich sollte es selbstverständlich sein. Jeder sollte sich in die Lage versetzen, wie es wäre, selbst zu erkranken. Eine Stammzellspende ist ein kleiner Aufwand – mit großer Wirkung. Man rettet damit nicht nur einen Menschen, sondern eine ganze Familie.“

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