StartNachrichtenKreis Bad KreuznachEin Jahrhundert Lebenserfahrung: Rosa Götz feierte 100. Geburtstag

Ein Jahrhundert Lebenserfahrung: Rosa Götz feierte 100. Geburtstag

BAD KREUZNACH/HENNWEILER. Im festlich geschmückten Gemeinschaftsraum des Haus Maria Königin herrschte am 24. Februar eine besondere Atmosphäre. Zwischen Blumensträußen, Kaffeegedecken und Sektgläsern sitzt eine zierliche Dame mit wachem Blick: Rosa Götz, geborene Geiger, feierte ihren 100. Geburtstag. Familie und Freunde sind gekommen, um diesen außergewöhnlichen Tag mit ihr zu begehen. Gefeiert wird mit Kaffee, Kuchen, belegten Brötchen – und natürlich einem Glas Sekt.

Geboren wurde Rosa Götz in Mühlhofen am Bodensee. Aufgewachsen ist sie in einer Zeit, die mit der heutigen kaum vergleichbar ist. Seit drei Jahren lebt sie im Seniorenheim. Zuvor wohnte sie bis ins hohe Alter selbstständig in ihrem Haus in Hennweiler. „Sie war bis zum Schluss allein zuhause und kam bestens zurecht“, berichtet die Familie nicht ohne Stolz.

Wer ihr heute begegnet, spürt schnell: Diese Frau hat ein Jahrhundert deutscher Geschichte nicht nur erlebt, sondern gestaltet – mit Fleiß, Disziplin und einer beeindruckenden inneren Stärke.

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Eine Kindheit in einer anderen Zeit
Rosa Götz wuchs als ältestes von fünf Kindern am Bodensee auf. Die Geschwister waren jeweils vier Jahre auseinander. Weil die Mutter krank war und der Vater im Krieg diente sowie später dienstverpflichtet bei der Bahn arbeitete, übernahm sie früh Verantwortung. „Früher gab es kein Zögern – wir mussten einfach machen“, so ließe sich ihre Haltung zusammenfassen. Sich um die jüngeren Geschwister kümmern, im Haushalt helfen, mit anpacken – all das war selbstverständlich. Wenn sie heute auf diese Zeit zurückblickt, sagt sie nachdenklich: „Och wissen Sie, das sind zwei verschiedene Welten“ – damals und heute kaum miteinander zu vergleichen.

Später führte ihr Weg nach Hennweiler, der Heimat ihres Ehemannes. Ein Haus mit Garten prägte viele Jahre ihr Leben. Blumen, Gemüse und Kartoffeln baute sie mit Hingabe an. Stricken gehörte zu ihren großen Leidenschaften: Socken, Mützen und Pullover fertigte sie zahlreich. Auch das Backen bereitete ihr immer Freude.

Krieg, Entbehrung und Hoffnung
Die Kriegszeit erlebte Rosa Götz bewusst und eindrücklich. Bomben fielen, Friedrichshafen – rund 40 Kilometer entfernt – wurde nahezu vollständig zerstört. Auch in ihrer Umgebung war die Unsicherheit allgegenwärtig. Sie half bei Waldarbeiten, setzte Pflanzen und schnitt Holz. Es war eine Zeit harter körperlicher Arbeit und großer Entbehrungen.

Glück bedeutete damals vor allem Sicherheit, genug zu essen und das Überleben der Familie. Umso prägender war die Begegnung mit ihrem späteren Ehemann. Er war in Konstanz in Gefangenschaft gewesen und zuvor in Norwegen stationiert. Nach dem Krieg kam er an den Bodensee – und hatte wie viele andere kaum etwas zu essen. Rosa brachte ihm Lebensmittel hinaus. Aus dieser Geste entstand eine Beziehung.

Mit 24 Jahren heiratete sie. „Wir hatten nicht viel“, erinnert sie sich. Gemeinsam begannen sie ihr Eheleben in Mühlhofen, wo sie von der eigenen kleinen Landwirtschaft lebten – bescheiden zwar, aber so, dass zumindest immer etwas auf den Tisch kam. Ihr Mann verstarb 1980 – doch die Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre sind geblieben.

Familie als Lebensaufgabe
Als Hausfrau widmete sich Rosa Götz ganz ihrer Familie. Tochter Anita Saueressig und Sohn Arnold Götz wuchsen in einem Zuhause auf, in dem Fleiß und Zusammenhalt selbstverständlich waren. Heute gehören drei Enkel und eine Urenkelin zur Familie.

Besonders stolz ist sie auf diesen familiären Zusammenhalt. Arbeit empfand sie nie als Last, sondern als Aufgabe. Selbst gesundheitliche Rückschläge meisterte sie mit Entschlossenheit. Zwischen ihrem 70. und 80. Lebensjahr wurden ihr vier Bypässe gelegt. Zunächst wollte sie die Operation nicht durchführen lassen. Doch der Arzt sagte zu ihr: „Wenn Sie das machen lassen, werden Sie 100.“ Sie entschied sich dafür – und sollte Recht behalten.

Disziplin und Lebensfreude
Noch heute ist sie bemerkenswert selbstständig. Sie steht morgens auf, macht ihr Bett, macht sich auch selbst fertig, trinkt ihren Kaffee und schaut nach den „Vögelchen“ vor dem Fenster. Sie hält ihr Zimmer ordentlich, unterhält sich gern mit anderen Bewohnern und zieht sich abends nach dem Essen zurück.

„Meine Mutter musste immer etwas zu tun haben“, erzählt Tochter Anita mit einem liebevollen Lächeln. „Ohne Aufgabe – das ging für sie gar nicht.“ Arbeit war für Rosa Götz nie Bürde, sondern Selbstverständlichkeit, ja beinahe Lebenselixier. Immer in Bewegung bleiben, sich kümmern, Verantwortung übernehmen – dieses innere Bedürfnis hat sie durch alle Jahrzehnte getragen. Vielleicht liegt genau darin eines der Geheimnisse ihrer erstaunlichen Fitness bis ins hohe Alter.

Über ihr langes Leben sagt sie selbst schlicht: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Ein Satz, der mehr ist als ein Sprichwort – er ist ihr persönliches Lebensmotto und begleitet sie bis heute.


Das Glück der Bescheidenheit

Ein ganzes Jahrhundert in einem einzigen Leben – die Nachricht vom 100. Geburtstag von Rosa Götz ist weit mehr als eine bloße Jubelsage. Sie ist das Zeugnis einer Frau, die der heutigen Generation eines der wertvollsten Geschenke vorlebt: die Kunst der Dankbarkeit für das vermeintlich Kleine. Dieser außergewöhnlichen Lebensleistung gebührt tiefer Respekt und eine herzliche Gratulation.

Rosa Götz gehört zu jener Generation, die nicht fragte, was ihr zusteht, sondern was zu tun ist. Ihr Lebensmotto „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ ist das Fundament einer beeindruckenden Resilienz. In Zeiten von Krieg und Entbehrung lernte sie, dass Glück nicht in materiellem Überfluss liegt, sondern in der Sicherheit der Familie und der täglichen Aufgabe. Dass sie noch heute mit Disziplin ihr Bett macht und sich an den Vögeln vor ihrem Fenster erfreut, zeigt eine beneidenswerte innere Stärke.

Es ist diese stille Kraft, die uns vor Augen führt, dass Zufriedenheit oft dort entsteht, wo man das Schicksal mit Fleiß und Gottvertrauen annimmt. Rosa Götz beweist, dass Arbeit kein Ballast sein muss, sondern ein Lebenselixier sein kann, das bis ins hohe Alter trägt.

Ihr Weg lehrt uns eine zeitlose Lektion: Wer die kleinen Dinge wertschätzt, besitzt am Ende den größten Reichtum. Wir verneigen uns vor einhundert Jahren Lebenserfahrung und einer beeindruckenden Persönlichkeit.


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