ROXHEIM. Die Abschiebung der Familie Alcantara nach El Salvador hat in Roxheim große Betroffenheit ausgelöst. Am Mittwoch, dem 23. Juli, versammelten sich rund 250 Bürgerinnen und Bürger aus Roxheim und der Umgebung zu einer Solidaritätskundgebung an der Birkenberghalle, organisiert von einer Unterstützergruppe aus Freunden, Kollegen und Bekannten der Familie.
Ortsbürgermeister Frank Bellmann zeigte sich in seiner Rede noch immer sprachlos über die Ereignisse der letzten Tage. „Eine Familie, die fester Bestandteil unserer Gemeinde war, wurde früh am Morgen ohne Abschied, ohne Vorwarnung abgeschoben. Sie wurden aus ihrem Alltag, aus ihrem Leben, aus ihrer gefühlten Wahlheimat Roxheim gerissen“, so der Ortschef.
Bellmann betonte, wie gut die Familie in die Dorfgemeinschaft integriert war: „Die Kinder waren angekommen, hatten Freundschaften geschlossen, sie lernten, spielten und wuchsen hier auf.“ Besonders beeindruckt zeigte sich Bellmann vom Engagement des Familienvaters Jose. Obwohl sein Vertrag als Gemeindearbeiter wegen des Widerrufs seiner Arbeitserlaubnis nur kurzzeitig bestehen konnte, kam Jose weiterhin jeden Morgen freiwillig und ehrenamtlich zur Arbeit. „Er tat es nicht, weil er musste, sondern weil er Teil dieser Gemeinde war und sein wollte“, so Bellmann.
Der Ortsbürgermeister erklärte, dass er gemeinsam mit dem Kindergarten, der Schule und vielen anderen ein Härtefallgesuch unterstützt hatte. Die Abschiebung wurde jedoch aufgrund eines Gerichtsurteils des Verwaltungsgerichts Trier vom März 2025 vollzogen. „Ob diese Abschiebung zu verhindern gewesen wäre, kann ich sicher nicht beurteilen. Ich hätte mir aber gerade bei einer Familie, die so gut integriert war, eine andere Herangehensweise gewünscht. Mehr Zeit. Mehr Raum für das menschliche Schicksal hinter den Akten. Ich weiß, dass die zuständigen Stellen unter großem Druck und im Rahmen bestehender Gesetze handeln müssen. Dennoch hoffe ich, dass es künftig möglich ist, solche Situationen mit noch mehr Augenmaß und Fingerspitzengefühl zu begleiten“, appellierte Bellmann.

Wer die Alcantara sehr gut kannte, ist der Koordinator „Geflüchtete“ der VG Rüdesheim, Marcus Lendlein. Seit zehn Jahren betreut er Geflüchtete. „Wer flüchtet, gibt seine Familie und Freunde auf, seine Kultur, seine Heimat, sein Auskommen. Er versucht, seine Wurzeln wieder neu zu verpflanzen, da Krieg, politische Verfolgung, religiöse Demütigung, sexuelle Belästigung und entwürdigende Armut ihn dazu zwingen, und das alles von Menschen gemacht“, so Lendlein. Er kennt zwar auch Menschen, die als Trittbrettfahrer auf diesen Leidenszug aufspringen, um an der guten sozialen Unterstützung partizipieren wollen. Er hob hervor, dass Familie Alcantara keineswegs zu den „Trittbrettfahrern“ gehöre, die soziale Unterstützung ausnutzen wollen.

Lendlein schilderte die Situation kurz vor der Abschiebung: Die kleine Gloia Sophia war strahlend auf dem Weg zu ihrer Kitagruppe, ihr Bruder Calb Ramses stand mit seinem Vater auf dem Hof der Grundschule, und Mutter Claudia war auf dem Weg nach Bad Kreuznach, um an einem kostenlosen Deutschkurs teilzunehmen, da ihr als Asylantin kein professioneller Integrationskurs möglich war. „Sie träumte von dem ihr angebotenen Job im Seniorenheim in Wallhausen“, so Lendlein.
Besonders unverständlich sei für Lendlein, dass die Familie im frühen Morgengrauen wie Kriminelle abgeholt wurde und innerhalb von 30 Minuten ihr Leben zusammenpacken musste. „Die Behörde hatte wohl auch in der Hektik den Paragrafen für das Kindswohl vergessen?“, fragte Lendlein kritisch. Er bezeichnete das Vorgehen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als „geradezu grotesk“, da dieses auf seiner Homepage auch die Förderung der Integration als Aufgabe benenne.

Lendlein betonte, dass es dem Ausländeramt in Bad Kreuznach nach Paragraph 60 des Migrationsgesetzes möglich gewesen wäre, unter bestimmten Voraussetzungen und einem definierten Zeitfenster eine Duldung wieder auszusprechen. „Alle diese Bedingungen hätten erfüllt werden können. Aber dazu braucht man Mut. Dieser aktenkundige Vorschlag wurde vom Anwalt der Familie schon am 30. April eingebracht, nie beantwortet, am 12. Mai wurde die Duldung aufgehoben“, schilderte Lendlein. Er erfuhr zudem, dass in den nächsten Tagen weitere Geflüchtete aus El Salvador in den Kreisen Landau, Bingen, Alzey und Bad Kreuznach mit einer Ausweisung rechnen müssen. „Die Zahlen müssen ja stimmen“, so Lendlein zynisch.
Zum Abschluss seiner Rede wünschte Marcus Lendlein den Verantwortlichen dieser „Katastrophe“, dass sie niemals die Erfahrung einer Flucht machen müssen. „Es sei denn, sie flüchten vor sich selbst“, fügte er hinzu.

Im Anschluss an die Kundgebung an der Birkenberghalle gingen die 250 Teilnehmer zur ehemaligen Wohnung der Familie, um dort einige Wünsche für sie aufzuschreiben.




